Prosa

  1. Bekenntnis
  2. Delilah
  3. Lady Liberty
  4. Der Schild des Achilles
  5. Aufzeichnungen eines Parasiten
  6. Werde der du bist
  7. Der Abkürzer
  8. Die unpassende Begegnung zweier, die zusammenpassten
  9. Die Pflicht des Jägers (nach Franz Kafka)

BEKENNTNIS (25.3.2020)

In Zeiten der Coronakrise geht der große „Aufdecker“ übers Land und bringt ans Licht, wer ein jeder wirklich ist. Leute, die sich bisher in ihrem Selbstvertrauen unerschütterlich gaben und glaubten, der Tapfersten einer zu sein, wimmern vor Angst und kreisen nur noch um ihr kleines Ich. Allenthalben wird deutlich, wie sehr sich die Menschen, verwöhnt durch eine lange Friedens- und Wohlstandszeit, für unverletzlich hielten und nun von ihrem Überlebenstrieb überwältigt werden. Wie Ertrinkende klammern sie sich an die Planke ihres vergänglichen Lebens, das sie glaubten, ganz und gar im Griff zu haben. Nicht in mente, aber in affectu wähnten sie sich unsterblich.

Ich muss gestehen, dass mich dies sehr beschäftigt und verwundert. Es macht doch offenbar, wie sehr sich der Mensch selbst betrügen kann und es auch ständig tut, aber auch, wie sehr er an seinem Leben hängt. Warum eigentlich? Was ist daran so großartig, wertvoll, so „toll“ und unaufgebbar?

Der Grund meiner Verwunderung liegt aber in mir selbst, denn schon, seit ich denken kann, erlebe ich das Gegenteil. Nichts Großartiges finde ich an mir, nichts Unvergängliches, alles wird vergessen werden, ja schon heute will niemand wirklich sehen, wer ich bin und was ich selbst aus mir gemacht habe, lässt er doch eher den Kopf in Fremdscham sinken. Rede ich ganz ehrlich, muss ich gestehen, mich als Schandfleck zu empfinden, von dem es am besten wäre, ganz ausgelöscht zu werden.

Ja, in der Tat, der Gedanke schreckt mich bis zur Unerträglichkeit, ich könnte unsterblich und unvergänglich sein! Denn dies bedeutete doch, dass meine ganze schändliche Existenz, mein Nichts und mein ganzes Versagen für alle Ewigkeit erhalten bliebe, prinzipiell jedem sichtbar, zumindest mir und außerdem jenem, der mich unsterblich sein lässt. Was eine Vorstellung!

Fühle ich tief in mich hinab, stoße ich glasklar auf den Wunsch, den einzigen,  wunderbaren, herrlichen Wunsch, ausgelöscht zu werden, und zwar wirklich ausgelöscht, also ganz und gar, ohne Spur und Rest. Schon jetzt ist mir das Leben eine furchtbare Last, ein Zwang und eine Bosheit, die den Atem des Herzens abschnürt. Aber ach, dieser Wunsch ist eine Illusion!

DELILAH (2020)

Weihnachten. 1968. 11 Jahre alt. Glänzende Augen vor dem leuchtenden Weihnachtsbaum. Im Raum schlägt ein Herz, sehr hoch schlägt es, kristallin, es ist sein Herz, das Raumherz. Was liegt unter den Fichtenzweigen? Unter dunklem Grün? Ahnung, Hoffnung steigt auf. Ein Wunsch war einstens, die unvergessliche Regung. Nach einer Vinylscheibe, so sagt man heute. Ein Lied, der Name einer Frau, wunderschön in der Vorstellung des Kindes, eine Mächenprinzessin, so wie ihr Name, diese Melodie, und alles in schwarze Rillen eingesenkt, geheimnisvoll, eine Verheißung, die den Augenblick unfasslich verklärte. Sie wurde erfüllt, die Verheißung lag in Kinderhänden, und das Lied verklang nicht mehr, 52 Jahre lang nicht, bis es wieder erklang, jetzt auf Youtube, zum ersten Mal mit Text, zum ersten Mal übersetzt – I felt the knife in my hand and she laughed no more. Delilah erstochen, Delilah tot, Delilah eine Verräterin! — Im Raum, dem alten, zweiundfünfzig Jahre alt, das Herz, es schlug nicht mehr, das Herz, der Raum war tot. 2020.

LADY LIBERTY – eine Parabel (17.6.2020)

Süßer Gesang, ein Blues. Du hörtest ihn heute morgen im Radio. Sanfte weiche Frauenstimme auf schwarzen samtenen Grund. O wie verheißungsvoll! Dann sah ich die blauen Lüfte, über Paris erst, dann über dem Atlantik. Sehr blau. Mit der Fackel der Sonne in der Hand. Hoch oben, weithin. Da flogen die Wolken und sie flogen sehr frei, ganz schwerelos; sie waren wie die Kissen meiner Träume, der alten, ewig jungen, ach, voll flauschiger Federn, die flüstern im Schlaf ihr Wiegenlied. Aber jetzt erwacht und fliegend im Sturmwind, der Freiheit entgegen im labenden Licht! Ein junger Erwachsener! – Dort steht sie nun, schau, errichtet aus Kupfer und Stahl, gekettet an den schroffen Felsen, stolz vor der Küste, massiv wie ein Turm und, wie man hört, ausgehöhlt und hohl klingend im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

DER SCHILD DES ACHILLES, KAFKAESK (20.6.2020)

Er sei gescheitert, habe nur, überwältigt vom Absurden, von Sinn- und Wertlosem, Heil- und Hoffnungslosem, Ekel- und Abscheuerregendem schreiben können, das niemand verstehe und alle verwirre. Mäuse, Affen, Hunde und Maulwürfe habe er den Menschen vorgezogen, bei diesen aber nur die Besessenen geliebt, die sich in Sackgassen verrennen und vor lauter Angst vor dem Leben nicht zu leben beginnen. Krank eben alles, nichts Schönes, Erhebendes, Wohltuendes, Tröstliches. So der Chorus der Richtigen.

Doch seltsam, dass keiner von jenen, die da klagen, keiner soviel Großes, Schönes, Tiefsinniges, soviel an Forschung, Gestaltung, Dichtung, Musik, Wissenschaft und Philosophie angeregt hat wie dieser Frühverstorbene, gar es zu solch weltweiten Ruhm gebracht hat. Wie kann man übersehen, dass wenige Ehen so aufrichtig, liebevoll und erfüllend gewesen sind wie Kafkas letzte Beziehung zu der Diamantenen Schönheit; dass er tiefe Freundschaften zu pflegen wusste und herzlich beliebt war wie keiner; und dass er größtes Leid so tapfer ertrug, dass er letzte Tiefen der Existenz auslotete? Verstehen ist wahrlich mehr, als sich von der Oberfläche seiner schillernden Schöpfungen angewidert abzuwenden, man muss sich allerdings Mühe geben und vor allem an sich selbst zu arbeiten bereit sein. Wer ist das schon von diesen allwissenden Alltagskröten?

Vita brevis, ars longa – Kafka gab sich ganz seinem hohen Auftrag hin, in dessen Feuer sich seine Kräfte wohl verzehrten, dafür aber einen Edelstein unvergänglichen Glanzes hervorpressten, während die Allzuklugen ihr Leben immer wieder wohl zu bewahren wissen und folgenlos aus dem Weltprozess ausscheiden. Vielleicht hat doch nicht der Spießbürger, vielleicht hat doch Achilles das letzte Wort. Ich sehe jedenfalls Kafkas Gesicht auf dem goldenen Schild des Helden – es strahlt.

AUFZEICHNUNGEN EINES PARASITEN (Juni 2020)

Ich bin kein Mensch, das muss mit Nachdruck vorausgeschickt werden, wahrscheinlich nicht einmal ein Lebewesen, das ist schwer zu bestimmen, da bin ich mir unsicher, denn eher bin ich etwas von der Art jener Gebilde, die zugleich halb unlebendig – „untot“, wie manche Scherzbolde heute sagen – und halb lebendig sind, wenn das möglich wäre, was natürlich nicht der Fall ist, denn in diesen Dingen gilt dann doch der Satz vom ausgeschlossenen Dritten: entweder das eine oder das andere, tertium non datur. Nun, was rede ich, im Grunde weiß ich es einfach nicht und würde hier auch nicht umständlich sinnieren, wenn ich es wüsste. Ich vermute, dass der Grund dieser Auslassungen eben jener unklare Status meines Seins ist, der mich in der Tat oft in größte Verzweiflung stürzt. Was ich aber immerhin weiß, ist, dass ich mein Weiterleben anderen Wesen verdanke, ich könnte sagen, anderen Wesen meinesgleichen, aber das zu behaupten, ist dann doch zu gewagt, da gerade dann, wenn sie mir gleich wären, die Konsequenz wäre, dass wir einander unendlich ungleich wären und einander nie wirklich begegnen könnten. Obwohl Letzteres durchaus stimmt, überlebe ich nämlich nur dadurch, dass ich in ihnen, meist unbemerkt, einziehe und hause. Das Wort „wohnen“ wäre allerdings verfehlt, da darin zu viel Ruhe und Wohlbehagen zum Ausdruck kommt, die ich nie habe, wenn ich dort bin, denn ich bin schlaflos und muss immerzu arbeiten. Nicht so, wie ein gesunder Arbeiter arbeitet, nein, keinesfalls, eher wie ein Saboteur, der das, wovon er lebt, heimlich tun muss, eben weil er es zerstört. Darum diese Hast. Ich muss ein Hereinschlingen üben, das schneller von statten geht als der gleichzeitig schon im Gang befindliche Verfall, der mir sozusagen immer mehrere Schritte voraus ist. Wer das so eingerichtet hat, kann nicht recht bei Sinnen gewesen sein, denn logisch gesehen, ist auch das wieder unmöglich oder könnte doch, wenn grundsätzlich genommen, nie begonnen haben. In jedem Fall ist es einigermaßen anstrengend und vergönnt mir nie Muße. Nur ein kurzes Nickerchen bedeutete schon mein Ende, was eigentlich die Erlösung wäre, aber eigenartigerweise irgendwie verhindert wird. Man muss hier wohl eine Art Zwangszweck diagnostizieren, dessen Ursache ganz und gar im Dunkeln liegt. Ich glaube, dass der letzte Sinn meiner lästigen Bemühungen darin besteht, genau dies herauszukriegen, um den Hebel zu finden, der zu betätigen wäre, um eben dieses ewige Nickerchen zu bewerkstelligen. O ja! Das in der Tat ist mein echtester, wirklicher, tiefster und allerletzter Wunsch: Nicht nur sterben, nein ausgelöscht werden, ausradiert, vernichtet, einfach weg, spurlos. Wie nie gewesen. Auf keinen Fall ewiges Leben, was unendlich beschämend wäre, mein Gott, nicht auszuhalten! Wie kann man sich nur so etwas wünschen? Das bedeutete doch die Verewigung des Unvermögens, des halben Seins, der großen Mitschuld an der Ungeheuerlichkeit des, wie soll ich es nennen?, des Kannibalismus. Gibt es einen, der lebt, ohne Lebendiges zu verzehren? Das wäre ein Überwesen, ein wahrer Gott! Ich verstehe, warum er in so vielen Träumen unserer Art herumgeistert. Man kann nur am Leben hängen, ich tue es längst nicht mehr, wenn man diesen Traum für wirklich hält. Alles andere erzeugt Scham und Ekel, mein Lebenselement, diese Drecklache, die aus mir selber rinnt. O ja, fast wollte ich mich rühmen, dass ich es im Unterschied zu all den anderen schaffe, wie Herkules im Augiasstall zu wachen und zu schlafen. Kann es wirklich sein, dass die anderen diese Scham nicht fühlen? Aber kann ich es denn? Wirklich diese brennende Nichtigung, die nirgends endet, empfinden? Ich kann es nicht, sonst würde ich nicht so brennend wünschen, dass sie mich doch bald ganz und gar auslöschte.

WERDE DER DU BIST (26.7.2020)

Meine beiden Krücken sind von mir gegangen, plötzlich und unerwartet, gut gekleidet übrigens wie zwei Damen, die zu Selbstbewusstsein gekommen sind. Jahrelang ging ich mit ihnen, gewiss mehr schlecht als recht, es glich fast einem Humpeln, aber es ging. Nun weiß ich nicht, wie es weitergehen soll, man kann es nicht mehr ein Gehen nennen, eher ein Schwanken, Taumeln, Vorwärtsfallen. Aber nein, was sage ich, ich sehe mich schon kriechen, ein Krückenloser, sein bescheidenes Glück ging dahin. Warum nur? Sie waren es satt, die beiden, immer zu tragen, zu stützen, zu ächzen, die Armen. Einer trage des Anderen Last, das ist kein gutes Lebensmotto, erkannten sie, zumal man nicht weiß, was der andere trägt. Dort am Horizont sehe ich die beiden nun einträchtig, sozusagen Hand in Hand, nach der Sonne wackeln. Oder tanzen sie? Werde, der du bist! Und wer werde ich? Was ich war, kann ich nicht mehr werden, also sollte ich wohl der werden, der ich sein kann. Sei also, der du wirst! – Ein Kriecher, mein Gott, was doch in einem steckt!? Da vorne, mein Freund, dort, da musst du hindurchkriechen, durch diese Lücke in der Zeit. Ein Wurmloch, wohl für Würmer. Ich bin ein Wurm, ein Würmchen, ein Würstchen – „Du musst nur die Richtung ändern“, sagte die Maus, „dann wird dich bestimmt einer essen.“ Recht hat sie, dachte ich mir, man muss den Kreislauf des Lebens in Gang halten. Und wahrlich, es geht!

DER ABKÜRZER (27.7.2020)

Er ist der Schlimmste, er heißt der Abkürzer. Wenn andere drei Wege nehmen, nimmt er nur einen. Gehen sie über eine Brücke weit dort oben, watet er durch den Fluss hier vorne. Er würde noch einen Tunnel verkürzen und durch den Felsen sprengen, wenn er könnte, er ist einfach nicht aufzuhalten, es sei, ein Unfall kommt ihm dazwischen und natürlich dann der Schmerz. In diesem Fall ist er ganz zerknirscht und fleht sein Schicksal an, doch endlich die Umwege gehen zu dürfen, die ihn anwidern. Im Endeffekt kommt er aber immer als Letzter an. Wen wundert es auch, wirft er doch alles um, was ihm dazwischenkommt, Tische, Stühle, Blumenbeete, Abmachungen, Taktstriche, Punkt und Komma, einfach alles. Eine Spur der Verwüstung lässt er hinter sich, der Raser, die Welt ist schon ganz von ihm durchfurcht. Noch niemand, kein Wissenschaftler, hat bisher herausbekommen, was ihn so treibt. Wo ist denn die Beute, die du jagst? Fragen die Experten, aber keiner weiß es. Zwar wird er regelmäßig befragt, doch für eine besinnliche Antwort hat er keine Zeit. Er müsse schnellstens weiter, sonst komme er zu spät. Wohin zu spät? Schon ist er weg. Man könnte meinen, er suche den kürzestmöglichen Weg ins Paradies, um dann doch am Ende den weitesten Umweg genommen zu haben. Aber Paradies? Davon kann wahrlich keine Rede sein, er steht dann zwischen den Trümmern, die sich um ihn häufen, worauf er denkt, „Mein Gott, wie verworren und sinnlos ist doch diese Welt!“

DIE UNPASSENDE BEGEGNUNG ZWEIER, DIE ZUEINANDER PASSTEN (27.7.20)

Ein Vogel suchte einen Käfig und fand einen Käfig, der einen Vogel suchte. Welch eine glückliche Fügung, dachte ein jeder! Doch seltsam, sie erkannten sich nicht und gingen aneinander vorbei. Das war aber nur die eine Deutung, die andere lautete, dass sie sich voreinander schämten und daher, auf den Boden schauend, rasch aneinander vorübergingen. Der Vogel dachte nämlich: “O, ein Käfig, was wird er denken? Gewiss wird er den Kopf schütteln und sagen: Wie, ein Vogel, der einen Käfig sucht, was ist denn das für einer?” Und der Käfig dachte ähnlich: “O, ein Vogel, was wird er denken? Gewiss wird er den Kopf schütteln und sagen: Wie, ein Käfig, der einen Vogel sucht, was ist denn das für einer? Wie kann ein Vogel einen Käfig suchen, er sollte doch seine Freiheit genießen!” Und der Vogel dachte, “Wie kann denn ein Käfig einen Vogel suchen, er sollte doch wohl seine Geschlossenheit genießen!” Da schämten sie sich beide vor der Erkenntnis des anderen und ließen voneinander ab.

DIE PFLICHT DES JÄGERS (9.1.2021)

Die Hütte des Jägers liegt verlassen im Bergwald. Dort lebt er während des Winters mit seinen fünf Hunden. Wie lang ist aber der Winter in diesem Land! Fast könnte man sagen, er dauere ein Leben lang. Und dennoch, der Jäger ist wohlgemut, es fehlt ihm an nichts Wesentlichem, über Entbehrungen klagt er nicht, er hält sich sogar für allzu gut ausgerüstet. „Käme ein Jäger zu mir“, denkt er, „und würde er meine Einrichtung und meine Vorräte sehen, es wäre wohl das Ende der Jägerschaft. Aber ist es nicht auch so das Ende? Es gibt keine Jäger.“ Um so verwunderlicher fand er es, wie lange schon dieses Wettlaufen in den Wäldern anhielt und nicht enden mochte. Alles war voll von Tieren, und darum galt es, Ordnung zu schaffen. Gedacht, getan, der Jäger geht zu den Hunden in die Ecke, wo sie auf Decken und mit Decken zugedeckt schlafen. Der Schlaf der Jagdhunde, ja wahrlich, ein Mysterium. Nein, sie schlafen nicht, sie warten nur auf die Jagd, und das sieht wie Schlaf aus. „Ob aber die Hunde ihre Wolfsnatur vergessen haben?“, fragt sich da der Jäger verunsichert. Er weiß es nicht, soll er es hoffen, soll er es fürchten?